Gefährlicher Angriff auf die Pressefreiheit

Ist Pressefreiheit in Japan ein Fremdwort? Man könnte es meinen, nachdem, was ich in einem japanischen Fischerdorf erlebt habe. Eine kurze Schilderung, wie ich von wütenden Delfinjägern angegriffen wurde.

Skandalös genug, dass in Japan noch immer Delfine getötet werden dürfen. Zehntausende jedes Jahr. Als «Schädlingsbekämpfung» werden die abscheulichen Massaker an diesen hochintelligenten und in ihren Beständen bedrohten Meeressäugern bezeichnet. Und die «Delfin-Liebe» der Delfinarienbesucher macht die Delfinjagd erst richtig lukrativ, indem man die schönsten Tiere aussondert und zu Höchstpreisen an Delfinarien verschachert, während ihre hilflosen Artgenossen wenige Meter daneben mit Haken und Messern abgestochen werden. Ganz besonders skandalös auch, dass die japanische Bevölkerung von alledem nichts erfährt: Nicht vom «Delfin-Genozid», und noch weniger, dass das als Lebensmittel verkaufte Delfinfleisch hochgradig krankmachend ist wegen hoher Quecksilberwerte.

All dies ruft nach journalistischer Aufklärungsarbeit für die japanische Bevölkerung und die internationale Gemeinschaft. So begleitete ich im Auftrag verschiedener Medien aus der Schweiz und Deutschland als Journalist den amerikanischen Delfinschützer Ric O’Barry ins japanische Fischerdorf Taiji, wo jedes Jahr rund 2500 Delfine in einer engen Bucht, angrenzend an einen Naturpark direkt an einer öffentlichen Durchfahrtsstrasse niedergemetzelt – anders kann man es nicht bezeichnen – werden. Ziel: O’Barrys Arbeit und das Geschehen vor Ort dokumentieren. Artikel 21 der Japanischen Verfassung garantiert mir als Journalist die «Pressefreiheit», das heisst, unbehelligtes journalistisches Arbeiten auf öffentlichem Grund.

Ich erlebte mein blaues Wunder. Als das Gemetzel in der Bucht frühmorgens losging, erwarteten uns aufgebrachte, teilweise offensichtlich angetrunkene Delfinjäger an der Strasse bei der Bucht. Anwesend war auch ein Filmteam des Ersten Deutschen Fernsehens ARD. Mit Schildern, auf denen «Don’t take photos» stand, wurden wir durch die Delfinjäger auf öffentlichem Grund am Filmen und Fotografieren gehindert. Als ich dennoch versuchte, zum Strand zu gelangen – immer noch auf öffentlichem Boden, vorbei an zwei öffentlichen Toilettenhäuschen – stürzte sich sofort eine ganze Gruppe wütender Delfinjäger auf mich, packte mich, warf mich zu Boden und stiess und schleifte mich zurück zur Strasse. Ein «Schlägertyp» verhielt sich dabei besonders aggressiv und konnte nur mit Mühe von ARD-Mitarbeitern und einigen halbwegs besonnenen Fischern davon abgehalten werden, mich zusammenzuschlagen.

Das ganze war für mich – umso mehr angesichts des unmittelbar daneben stattfindenden Massakers an Dutzenden von Delfinen – absolut schockierend und Furcht erregend. Insbesondere mit dem Wissen, dass das Töten für diese Menschen, welche mich angriffen, etwas ganz Alltägliches ist. Zurück bleibt ein Eindruck tiefer Betroffenheit und des Nicht-Verstehens, aber auch des Nicht-Einverstanden-Seins. In mehreren Reisen habe ich Japan, seine kulturellen Schätze, und seine liebenswerte, herzliche, hilfsbereite Bevölkerung zutiefst schätzen gelernt. Umso mehr bin ich nach meinen jüngsten Erlebnissen zutiefst erschüttert.

An die japanische Regierung gerichtet protestiere ich in aller Form dagegen, wie ich bei meiner journalistischen Arbeit auf öffentlichem Grund von Einheimischen behandelt wurde.

Hans Peter Roth, Journalist BR, Schweiz